Interviews

Nostradamus

Warum noch ein Buch über Nostradamus? Gibt es davon nicht schon genug?

ERG: Es gibt viele Bücher über Nostradamus, aber auch viele unbrauchbare. Die meisten Autoren sind nur daran interessiert, ihren ganz persönlichen Schlüssel für die angebliche Entzifferung der rätselhaften Prophezeiungen zu präsentieren. Jeder behauptet, Recht zu haben, aber alle kommen sie zu unterschiedlichen Ergebnissen. Diese Art von Literatur sagt nur etwas über ihren Urheber aus, nichts über Nostradamus. Entscheidend ist der historisch-kritische Zugang. Man muss zuerst Nostradamus aus seiner Zeit, seiner Entwicklung und seinem Denken her begreifen, um seine Werke verstehen und erklären zu können.

Wie haben Sie dieses Ziel erreicht?

ERG: Indem ich mich nicht allein auf die berühmten Prophéties stützte, die allein von den meisten Autoren herangezogen werden. Ich habe alle Werke von Nostradamus studiert, vor allem aber seine sehr seltenen Almanache. Darin hat er viele Weissagungen in Prosa niedergelegt, die leichter zugänglich sind als die Versprophezeiungen in den Prophéties. Vergleicht man Wortwahl, Grammatik, Satzbau und zieht dazu noch die erhaltenen Briefe von Nostradamus heran sowie die französischen Lexika des 16. Jahrhunderts, lassen sich die vermeintlich undurchdringlichen Verse bisweilen auf verblüffend einleuchtende Weise lösen.

Sind die Originalwerke von Nostradamus leicht zugänglich?

ERG: In der Tat ist es ein Problem, an Originale heranzukommen. Manches liegt in Faksimile-Ausgaben vor, einige wichtige Werke besitze ich in meiner eigenen antiquarischen Sammlung. Andere, wie viele seiner Almanache, sind verloren gegangen. Dafür habe ich in Bibliotheken und Archiven nach jahrelanger akribischer Suche bislang unbekannte Texte ausfindig gemacht, beispielsweise eine mehr als 700 Seiten starke Handschrift von Jean-Aimé de Chavigny, dem Sekretär des Nostradamus in seinen letzten Jahren, in der er die Prophezeiungen aus allen Almanachen des Propheten exzerpiert hat, auch aus jenen, die heute nicht mehr erhalten sind. Dieses einmalige Manuskript ist eine unschätzbare Grundlage für die Analyse seiner Texte. Außerdem bin ich auf weiteres wissenschaftlich noch nicht ausgewertetes Material gestoßen. Es handelt sich um zwei Manuskripte des Horoskops, das Nostradamus für den Prinzen Rudolf von Habsburg, den späteren Kaiser Rudolf II., angefertigt hat. Diese Handschriften waren ebenfalls noch nicht bekannt und können ohne Übertreibung als spektakulär bezeichnet werden. Ich konnte sie in den Archiven von deutschen Bibliotheken aufstöbern. Eine davon ist sogar das französische Original, die andere eine lateinische Übersetzung der Zeit. Durch die Untersuchung dieses über 200 Seiten starken Horoskops konnte ich auch zum ersten Mal die angeblichen prophetischen Fähigkeiten von Nostradamus an der Realität überprüfen, zumal wir genaue Kenntnisse über Leben und Persönlichkeit von Rudolf II. besitzen, während die dunklen Rätselsprüche in seinen Prophéties von den vielen unsäglichen selbst ernannten "Nostradamus-Forschern" nach Belieben mit passend erscheinenden Ereignissen in Beziehung gebracht werden.

Zu welchem Ergebnis kommen Sie? Hatte Nostradamus wirklich prophetische Fähigkeiten?

ERG: Diese Frage lässt nicht einfach beantworten und ich will hier auch nicht in wenigen Worten darauf eingehen. Die Klärung dafür liefert mein gesamtes Buch, und ich habe viele Seiten dafür benötigt!

In anderen Büchern, wie Die Psi-Protokolle haben Sie über den Stand der parapsychologischen Forschung geschrieben. Wie ist Nostradamus von diesem Gesichtspunkt aus einzuordnen?

ERG: In Die Psi-Protokolle aber auch in meiner CD-ROM Enigma zeige ich, dass die moderne Wissenschaft von den anomalen mentalen Phänomenen (Parapsychologie) den Beweis für die Realität der Fähigkeit, in die Zukunft sehen zu können (Präkognition), erbracht hat. Allerdings ist dieses Vermögen sehr selten, äußerst leicht störbar und meist an persönlich bedeutsame Inhalte gebunden. In den meisten Fällen gelangen die präkognitiven Eindrücke überhaupt nicht ins Bewusstsein, sie werden nur unbewusst in einer physiologischen Reaktion vom Organismus registriert. Es gibt keine Hinweise darauf, dass einzelne Menschen in der Lage sind, häufig und mit großer Genauigkeit von Begebenheiten Kenntnis zu haben, die sich erst in ferner Zukunft ereignen werden. Die Berichte von außergewöhnlichen "Propheten" entpuppen sich bei genauer Prüfung entweder als reine Erfindung oder gehören zum Strom von Legenden, jener so genannten prophetischen Tradition, die im Volksgut verankert ist und von Generation zu Generation weitergegeben, umgeformt und den jeweiligen politischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten angepasst wird. Die Weissagungen von Nostradamus bilden dabei keine Ausnahme.

Nostradamus war nicht nur Prophet, er war auch Astrologe und Arzt. Welche Rolle spielen diese Aspekte in Ihrem Buch?

ERG: Sie spielen eine erhebliche Rolle um das "Phänomen Nostradamus" begreifen zu können. Seine vielschichtigen Interessen, vor allem an der Antike und an der hermetischen Philosophie, die in der Renaissance so populär war, weisen ihn als einen gelehrten Humanisten aus, auf der Suche nach einer umfassenden Erklärung für das Unheil, dem sich der Mensch in seiner Epoche ausgesetzt sah. Dafür griff er auf die antike Geschichte zurück, wo er gleichsam prototypische Ereignisse als Vorbilder für Geschehnisse in seiner Gegenwart fand, die eine Zeit des radikalen Umbruchs war. Die Lehre astrologischer Zyklen verwendete er dafür, um solche vorbildhaften Begebenheiten auf die Zukunft zu übertragen. Zumal die Astrologie damals als Wissenschaft galt, war diese Vorgehensweise weder abwegig noch ausgefallen. Ausgefallen war allein seine Fähigkeit, die Ergebnisse seiner Berechnungen und Intuitionen in verführerische, dunkle Verse zu kleiden. Darin brachte er es zur Meisterschaft, und das ist der Grund für die außerordentliche Faszination, die seine Weissagungen bis zum heutigen Tag ausüben. Wie diese "orakuläre Poesie" ihre Wirkung entfalten konnte - auch das zeige ich eingehend in meinem Buch.







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