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Interviews

Aus dem Herzen Tibets
Was versuchen Sie, in Ihrem neuen Buch Aus dem Herzen Tibets zu vermitteln?

ERG: Das Buch ist nicht nur die Biographie einer außergewöhnlichen und charismatischen Persönlichkeit. Es war mir ein Anliegen, zugleich einen Einblick in die geheimnisvolle Welt des Tibetischen Buddhismus zu geben, wie sie vor der Machtergreifung durch die Chinesen noch den Alltag im gesamten Land bestimmte, und wie dieses Fundament systematisch zerstört wurde. Es ging mir auch darum zu zeigen, welche gewaltige philosophische Konzeption dem Buddhismus, speziell in seiner tibetischen Ausformung, zugrunde liegt. Neben den vielen Einblicken in die historische Entwicklung, die mir zahlreiche Zeitzeugen erschlossen, war es vor allem der ungewöhnliche Lebensweg von Chetsang Rinpoche, der mich faszinierte. Er hat durch seine erst spät erfolgte Flucht widerstreitende Weltentwürfe am eigenen Leib erlebt - das mystische, nach innen gewandte Reich des alten Tibet, die utopische maoistische Gesellschaft mit ihrer gnadenlosen Menschenverachtung, die Fülle des Wohlstand und die äußerste Armut; nach seiner Flucht in den USA die materialistische Utopie des Westens, samt ihrer Verblendung in technischem Fortschrittsglauben und ihrem gewalttätigen Umgang mit der Natur. Es hat den Anschein, als sollte Chetsang Rinpoche sie alle erfahren, um jene spirituelle Energie zu entwickeln, die ihm die innere Kraft zur Verwirklichung jener Aufgaben verleihen würde, für die er als Thronhalter einer der bedeutendsten Linien im Tibetischen Buddhismus seit vielen Leben vorgesehen ist.
Wie haben Sie dieses Projekt recherchiert?

ERG: Chetsang Rinpoche selbst mit seinem phänomenalen Gedächtnis war freilich die primäre Quelle für das Buch. Über einen Zeitraum von mehr als zwei Jahren hat er mir immer wieder unermüdlich in langen Gesprächen von seinem wahrhaft abenteuerlichen Leben erzählt. Da er kurz nach seiner Flucht detaillierte Aufzeichnungen über die Geschehnisse während der Kulturrevolution gemacht hat, bekam ich einen besonders tiefen Einblick in die Verhältnisse dieser dunklen Epoche in der Geschichte Tibets. Die fremdartige Welt Tibets und die politischen Wirren der letzten Jahrzehnte wurden in den eindrücklichen Schilderungen der Wegbegleiter von Chetsang Rinpoche lebendig. Ich hatte das Glück viele persönliche Gespräche mit hohen Lamas und Mönchen führen zu können, von denen einige sogar noch die Vorgängerinkarnation des Chetsang Rinpoche kannten. Sie gewährten mir außergewöhnliche Einsichten in den profanen und religiösen Alltag in Tibet und in die Entwicklung von Chetsang Rinpoche. Manche von ihnen, wie S. H. Drikung Chungtsang Rinpoche und S. E. Garchen Rinpoche haben selber viele Jahre in chinesischer Gefangenschaft verbracht. Nicht nur waren ihre Berichte packend, diese weisen Menschen erwiesen sich als völlig frei von jedem Groll gegen ihre Peiniger, was mich zutiefst berührt hat.
Konnten Sie auch Familienangehörige befragen?

ERG: Die Familie von Chetsang Rinpoche war ebenfalls eine Fundgrube unerschöpflicher Informationen. Sein betagter Vater, immer noch von wachem Geist und klarem Erinnerungsvermögen, bekleidete als Mitglied des Hochadels ein führendes Amt in der tibetischen Regierung. Er wusste über alle Ereignisse und Machenschaften hinter den Kulissen zu berichten. Sein eigener Vater, Dasang Damdul Tsarong, war der Favorit des 13. Dalai Lama gewesen, als Kabinettsminister und Generalkommandant der tibetischen Streitkräfte bestimmte er über Jahrzehnte die Politik Tibets im frühen 20. Jahrhundert. Auch Rinpoches Mutter, aus dem Adelsgeschlecht der Ragashar, hatte reichlich Geschichten und Anekdoten zu erzählen. Seine beiden Brüder und die beiden Schwestern schilderten viel aus der Jugendzeit und der Epoche nach seiner Flucht, als er nach fast 20 Jahren der Trennung seine Familie wieder sehen konnte. Besonders seiner Schwester Namgyal Lhamo Taklha, die mit dem früh verstorbenen Bruder des Dalai Lama, Lobsang Samten, verheiratet war, verdanke ich viele detaillierte Schilderungen. Sie ist die Autorin von zwei interessanten Büchern, Geboren in Lhasa und Die Frauen von Tibet.

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| Chetsang Rinpoche bei seiner Einsetzung, fotografiert von Heinrich Harrer, Lhasa 1950
© ParaPictures Archiv |
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Ich hatte auch das große Glück, den österreichischen Abenteurer Heinrich Harrer kurz vor seinem Tod in Hüttenberg eingehend interviewen zu können. Harrer wohnte während seiner Sieben Jahre in Tibet als Gast im Hause Tsarong und hatte selber miterlebt, wie der kleine Spross des Hauses als die Wiedergeburt einer hohes Lamas erkannt und mit entsprechendem Pomp in sein Kloster gebracht wurde. Was die Arbeit an diesem Buch so spannend machte, waren diese zahlreichen Gespräche mit vielen Menschen aus unterschiedlichen Kulturen, vom einfachen tibetischen Mönch bis zu befreundeten Professoren aus dem Westen, von gelehrten und hoch verehrten Lamas bis zu seinen Schülern aus aller Welt. Dadurch ergab sich eine enorme Bandbreite an Perspektiven, nicht nur auf das Leben von Rinpoche, sondern auch auf die Orte, die Zeit und die Umstände, in denen sich dieses Leben entfaltete.
Trotz der Fülle an Fakten ist es ein sehr poetisches Buch geworden. War das so beabsichtigt?

ERG: In der tibetischen Tradition sind Biographien von verwirklichten Meistern ein eigenes literarisches Genre, das bestimmte Kriterien erfüllen muss. Sie beschreiben gleichsam die spirituelle Karriere in ihren äußeren, inneren und geheimen Aspekten und sind viel mehr Hagiographien, denn Biographien im westlichen Sinn. Weder waren Chetsang Rinpoche, noch ich selber daran interessiert, eine Heiligenlegende zu verfassen. Aber bald wurde mir klar, man kann die Geschichte eines inkarnierten Lamas nicht losgelöst von der inneren Dimension erzählen; jener Dimension, in der sich seine spirituelle Verwirklichung ereignet und aus der sich erst sein Wirken in der Welt verstehen lässt. Diese Aspekte eines ungewöhnlichen Lebensweges in ihrem historischen und kulturellen Zusammenhang zu stellen, erforderte eine Schreibweise, die man poetisch nennen mag; wenn man denn Poesie in diesem Fall nicht als dichterische Freiheit versteht, sondern vielmehr als den Versuch, das schlechterdings Unsagbare in Worte zu gießen.
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