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Elmar R. Gruber
Aus dem Herzen Tibets
Das faszinierende Leben des Drikung Chetsang Rinpoche

Chetsang Rinpoche entstammt einem alten tibetischen Adelsgeschlecht. Er war erst vier Jahre alt, da musste er den beispiellosen Luxus im seinem Elternhaus hinter sich lassen. Er wurde als ein "lebender Buddha" erkannt, die Wiedergeburt einer der höchsten Lamainkarnationen des Tibetischen Buddhismus: der Thronhalter der Drikung-Kagyü-Linie. Mit zwölf Jahren ging auch dieser Lebensabschnitt abrupt zu Ende.



Rinpoche bei seiner Einsetzung als Wiedergeburt des Drikung Chetsang, Lhasa 1950
© ParaPictures Archiv




Der Prozessionszug zur Inthronisierung in den Straßen von Lhasa, 1950
© ParaPictures Archiv
Die chinesischen Besatzer machten nach dem Volksaufstand und der Flucht des Dalai Lama 1959 den Mönchen das Leben zur Hölle. Chetsang fand sich in den untersten Rängen der Gesellschaft wieder, aus dem Kloster vertrieben und in äußerster Armut und Aussichtslosigkeit. Durch unbändigen Lebensmut, Willensstärke und Intelligenz schaffte er es in kürzester Zeit bis in die Mittelschule, als sein Lebensweg abermals eine dramatische Wendung nahm. Er wurde ins Zentrum der schlimmsten Wirren der mörderischen Anarchie während der Kulturrevolution hineingezogen und schließlich zu harter Zwangsarbeit und niedrigsten Diensten in Kommunen verdonnert.



Drikung Chetsang Rinpoche auf dem Thron im Kloster von Drikung, 1950
© ParaPictures Archiv
 
 
In aussichtsloser Situation gelang ihm die Flucht zu einer Zeit, als durch das lückenlose System von Spitzeln und Stützpunkten der Volksbefreiungsarmee kaum ein Tibeter mehr das Land verlassen konnte. Es war ein "unmöglicher", ein dramatischer Fluchtweg. Er führte ihn allein mit unzureichendem Schuhwerk und leicht bekleidet, vorbei an Militärlager der Chinesen, über den Gletscher eines 6000 m hohen Passes, wo kein Pfad die Richtung vorgab, fast immer nachts wandernd, ohne die gefährlichen Gletscherspalten und Grate wahrnehmen zu können.



Chetsang Rinpoche beim Studium in seinem Büro
© ParaPictures Archiv




Chetsang Rinpoche bei einer großen tantrischen Einweihungszeremonie in Dehra Dun, Indien
© ParaPictures Archiv
Drei Jahre verbrachte er in den USA bei seinen Eltern, lernte englisch und war sich nicht zu schade, in der Küche eines McDonald's Restaurants zu arbeiten. Als Chetsang Rinpoche sich schließlich im indischen Exil einrichtete, waren die meisten spirituellen Führer schon seit zwanzig Jahren in der Fremde fest etabliert. Sie hatten 1959 im Zuge der Flucht des Dalai Lama das Land verlassen. Ein kaum fühlbarer Puls durchströmte noch die Lebensader der Drikung Kagyü. Der Orden schickte sich an, zu einer Fußnote in der Geschichte zu verkommen. Und ihr Thronhalter, der Drikung Chetsang Rinpoche, der als Junge von den Chinesen aus seinem religiösen Amt vertrieben worden war, befand sich in seiner eigenen buddhistischen Ausbildung erst da, wo er vor zwanzig Jahren das Kloster verlassen hatte - am Anfang. Das umfangreiche Studium der buddhistischen Philosophie, sowie Ermächtigungen und Übertragungen von Tantras, standen ihm ebenso noch bevor, wie jahrelange meditative Praxis in der Abgeschiedenheit der Klausur. Mit einem Mal sollte Chetsang zugleich allgegenwärtiger Manager und Eremit sein, Lehrmeister und Schüler.



Der große Komplex des Kagyu College und der Songtsen Library in Dehra Dun, Indien
© ParaPictures Archiv



Die Songtsen Library in Dehra Dun, Indien
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Zum Erstaunen vieler schaffte er das Unmögliche. In kürzester Zeit machte er aus seiner in die Bedeutungslosigkeit versunkenen Schule des Tibetischen Buddhismus eine florierende Linie. Im indischen Dehra Dun etablierte er ein Studienzentrum, das seinesgleichen sucht: Ein Kloster, eine Hochschule für buddhistische Philosophie, ein Nonnenkloster und - als Kernstück und Glanzpunkt - die Songtsen Library, die größte und bedeutendste Bibliothek der Tibeter im Exil. Ein Schatzhaus und lebendiges Labor, das nicht allein dem engen Rahmen der buddhistischen Lehre verpflichtet ist, sondern einer viel umfassenderen Perspektive der Bewahrung der kulturellen und spirituellen Identität der Himalaja-Völker und der Drikung-Linie im Besonderen.



Chetsang Rinpoche bei der Konsekration des größten europäischen Stupa in Zalaszanto, Ungarn
© ParaPictures Archiv
Mit nie versiegendem Elan, grenzenloser kindlicher Neugier, wissenschaftlichem Erkenntnisdrang und systematischem Denken ging Chetsang daran, seine Visionen zu verwirklichen. Was er geschaffen hat, gelang ihm durch das, was im Buddhismus treffend als erleuchtete Aktivität bezeichnet wird. Der Dalai Lama verehrt ihn, zählt ihn zu seinen Ratgebern.



Drikung Chetsang Rinpoche
© ParaPictures Archiv
 

Chetsang Rinpoches Zentrum und seine charismatische Persönlichkeit üben eine enorme Anziehungskraft auf tibetische Mönche und Praktizierende aus allen Teilen der Welt aus. Heute zählt die Drikung-Kagyü-Linie zahlreiche Anhänger in aller Welt. Sie verfügt über etwa 200 Klöster und Klausurzentren in Tibet, Nepal und Indien und über 80 Zentren in den übrigen Regionen der Welt.



Chetsang Rinpoche mit Elmar R. Gruber
© ParaPictures Archiv
 
 
 
 
Elmar R. Gruber, seit Jahren ein enger Schüler von Drikung Chetsang Rinpoche, legt ein spannendes Stück Zeitgeschichte vor, bewegende Zeugnisse vom Leid des tibetischen Volkes, aber auch seiner spirituellen Kraft und vor allem von der Macht einer Geisteshaltung, die über alle Widrigkeiten des Daseins zu obsiegen vermag. Klug und einfühlsam beschreibt er die geheimnisvolle Welt des Tibetischen Buddhismus und die politischen Entwicklungen von historischer Tragweite anhand des außergewöhnlichen Lebenswegs einer beeindruckenden Persönlichkeit. Von besonderer Brisanz sind dabei die Einblicke von Chetsang Rinpoche über die Kulturrevolution in Tibet, zumal er als Schüler der Mittelschule von Lhasa, von der aus die Roten Garden ihre Aktivitäten entfalteten, mitten in den Strudel der Ereignisse gezogen wurde.
 



Chetsang Rinpoche mit dem Dalai Lama
© ParaPictures Archiv
Aus dem Vorwort
des Dalai Lama:


"Es bereitet mir große Freude zu wissen, dass mit der Veröffentlichung dieses Buches Lesern in aller Welt das ungewöhnliche Leben von Drikung Chetsang Rinpoche näher gebracht wird. Ein Leben, das einen weiten Erfahrungshorizont umfasst, von der Lebensweise im alten Tibet über die darauf folgende Zeit der Bedrängnis und den Erfolg seiner Bemühungen hier im Exil, jene Werte zu bewahren und zu fördern, die alle Tibeter in Ehren halten. Während ich darum bete, Rinpoche möge lange und gesund leben, vertraue ich darauf, dass viele Hoffnung und Inspiration aus dem gewinnen, was er bislang vollbracht hat."

O. W. Barth bei Scherz, 2007, 432 S., 7,95 Euro

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Ausgewählte Links zur Drikung-Kagyü-Linie des Tibetischen Buddhismus:

Website des Drikung Kagyu Institute, Dehra Dun
(dkinstitute.org)
Website der Songtsen Library, Dehra Dun
(songtsen-library.net)
Website der Drikung Kagyü in Deutschland
(drikung.de)






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